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Gustav Mahler Musikwochen in Rave umgewandelt

Toblach – Die Schreckensnachricht für alle Freunde der klassischen Musik: Es ist aus mit Mahler-Interpretationen, Themenabenden und Konzerten lokaler und internationaler Orchester, die Musikwochen sind aufgrund sinkender Einnahmen einfach zu kostspielig, um weiterhin im Kulturprogramm des berühmten Hochpustertaler Kurorts zu verbleiben (was darin denn sonst überhaupt vorkommt bleibt fraglich, aber das tut hier nichts zur Sache). Einem einfallsreichen Mitglied des Komitees, inspiriert von seinen eigenen Kindern im Teenageralter, kam jedoch zum Glück die rettende Idee.

Der Maestro dirigiert ab jetzt die Beats. Crescendo IN YOUR FACE!

Wer kennt sie nicht, die Toblacher Musikwochen, eine Hommage an Gustav Mahler, der Anfang des 20. Jahrhunderts einige Jahre in Altschluderbach bei Toblach residierte, um sich in einen Bretterverschlag im Wald zurückzuziehen und seine letzte Handvoll großer Werke zu komponieren. Seit nunmehr über 35 Jahren finden sich große Orchester, Chöre, Koryphäen der klassischen Musik und natürlich Tausende begeisterte Besucher in dem kleinen 3500-Seelen-Ort ein, um dem Komponisten zu huldigen, zu lauschen, zu musizieren, zu diskutieren, und sein Erbe weiterzuführen. Doch 2019 wird dies schmerzlich vermisst werden, denn die Mahlerwochen, wie wir sie kennen, sind Geschichte.

„Uns fehlen einfach die Besucher“, resümiert ein anonym bleibendes Mitglied des Organisationskomitees, „wissen Sie, die alten Säcke, die sonst den Nerv haben, vier Stunden Orchesterkonzert ohne Pause durchzuhören, sterben aufgrund ihres hohen Alters wie die Fliegen, und die Jugend hat einfach keinen Sinn für die Kunst, wie man weiß.“ Einige der für die heurige Ausgabe geplanten Künstler hätten sich zwar bereiterklärt, für weniger oder sogar ohne Gage zu spielen, aber die Hauptattraktion, der Zipfelberger Eunuchenchor, weicht nicht von seinen exorbitanten Gehaltsvorstellungen ab und ruiniert somit das gesamte Budget.

Damit heißt es also nun Tschüss, Gugu (wie Gustav Mahler von den Organisatoren inzwischen liebevoll genannt wurde), aber ganz ereignislos bleibt der Toblacher Kultursommer vielleicht doch nicht. „Ja genau, wir haben das Konzept radikal geändert, und werden die Musikwochen weiterführen, allerdings mit anderem Fokus und Zielpublikum“, strahlt unsere Quelle beim Überbringen der guten Nachricht. „Es ist doch so, in der Jugend liegt die Zukunft, und die Jugend hört nur so dummen UNTZ UNTZ Technoscheiß, das merke ich doch bei meinem eigenen Nachwuchs. Mein Sohn hat zum Beispiel sieben verschiedene Ausführungen desselben ‚Der Bass Muss Ficken‘ T-Shirts, für jeden Tag der Woche eins. Wieso also nicht in den sauren Apfel beißen, und den Kindern geben, was sie wollen? Zudem führen wir trotzdem irgendwie den Spirit der Mahlerwochen weiter. Wir selbst haben anno 1981 als Undergroundveranstaltung angefangen, wir hatten nicht mal ein richtiges Konzerthaus und mussten illegal im Keller eines Freundes spielen. Und Mahler selbst hat in seinen Symphonien ein paar bombastische Passagen, die einem geil das Hirn wegblasen. Das kann der Techno auch, aber besser.“

Sie haben richtig gelesen. Die Musikwochen gehen weiter, doch sie werden in einen Rave, oder besser gesagt, ein sogenanntes „elektronisches Festival“ umgewandelt. Die Vorteile sind klar: stupiden Viervierteltakt produzieren ist nicht schwer, die meisten Künstler bringen ihren eigenen Laptop und USB-Stick mit, mehr braucht es nicht, Kosteneinsparungen noch und nöcher. Die jungen Bassverehrer, die die Veranstaltung nun nach Toblach locken soll, haben außerdem schlichtere Bedürfnisse was Kost und Logis angeht, weiß unser Informant. „Meine Tochter ist gerade erst von einer Goaparty in der Schweiz zurückgekommen, da hat sie in einer Wiese voller Kuhscheiße gezeltet und sich vier Tage nur von Bier und MDMA ernährt. Das kriegen wir auch hin.“

Wer nun aber glaubt, die Toblacher Technowochen, kurz TobTek (andere Vorschläge waren u.a. ToBass, Techlach, und PuschtraPillenParty), seien eine austauschbare Fete wie jede andere, der irrt. Ein wenig Kultur muss bleiben, und so werden vom 13.07.19 bis zum 27.07.19 auch verschiedene experimentelle Aufführungen stattfinden. Zum Beispiel ein Konzert, bei der ein Laienorchester unter der Leitung eines Dirigenten nur jeweils eine andere Taste auf einem Drumcomputer drückt, und dies von dem Maestro in ein knatterndes Arrangement aus Bass und Soundeffekten verwandelt werden muss. Oder ein Projekt des örtlichen Kindergartens, bei dem nur unter Zuhilfenahme von Kochlöffeln und Pfannendeckeln berühmte Werke bereits verstorbener Producer nachgespielt werden.

Auf die Frage unseres Reporters, ob den Besuchern zwei Wochen repetitiven Krachs nicht langweilig würden, schmunzelt unsere Quelle nur. „Keineswegs. Wir haben das beste Soundsystem seit der Stalinorgel, da hört man Details, die einem sonst beim Stampfen um ein auf dem Boden liegendes Handy im Jugendzentrum gar nicht bewusst werden. Und es gibt so viele verschiedene Stilrichtungen der elektronischen Musik, sie ist schier unerschöpflich. Es gibt Goatrance, Psytrance, Dark Psytrance, Progressive Trance, Forest Trance, Full-On Trance, Uptempo Trance, dann Minimal House, Progressive House, Ibiza House, Vocal House, Acid House, 80s House…“, an diesem Punkt fielen unserem Reporter leider die Augen zu, und er erwachte erst fünf Minuten später wieder, „…Happy Hardcore, Oldschool Hardcore, Dutch Hardcore, Industrial Techno, Minimal Techno, Dark Techno, Melodic Techno, Hard Techno, Balkan Techno, Berlin Techno, und noch viele mehr, die mir gerade nicht mehr einfallen. Sehen Sie was ich meine? Und außerdem, bei dem was sich die Jugend heute so alles reinballert, verlieren die eh jegliches Zeitgefühl. Ich heiße den Drogenkonsum in keinster Weise gut, aber seien wir ehrlich: Alle kauen, keiner isst? Das heißt, dass man beim TobTek ist!“

Diesem Schlusswort ist nichts hinzuzufügen. Wir wünschen unseren Lesern viel Spaß bei den diesjährigen Musikwochen, eine Erfahrung der etwas anderen Art wird es auf jeden Fall.

Foto: Wikipedia Commons/Steve Jurvetson/Pixabay