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Besoffene Idioten von Hipstern als ironische Kunst gefeiert, Plattenvertrag unvermeidbar

Meran – Es sollte alles nur ein betrunkener Scherz werden, ein Spaß unter Freunden. Doch unbarmherzig, wie das Internet und der seltsame Geschmack von postmodernem Schnurrbartpack nun mal sind, steht einem jungen Trio aus dem Burggrafenamt nun ein Leben bevor, auf das sie weder Lust haben noch wirklich vorbereitet sind. Nach langem Stalken und Belästigen konnte nun einer unserer Reporter sie endlich vors Mikrofon bekommen. Hier das exklusive Interview.

(von links) MC LettigeSalomon, Tante Futlappl, Der Kaslutscher

Eigentlich heißen sie Daniel, Franziska und Lukas. Eigentlich sind sie nur gute Freunde, bzw. Daniel und Lukas auch Geschwister. Und eigentlich wollten sie letzte Woche nur „die Woch kliabn“, wie man im Südtiroler Dialekt so schön sagt, also die Woche durch einen zünftigen Rausch in zwei Teile spalten. Doch dann kam alles anders, und jetzt kennt sie die Welt nur mehr als MC LettigeSalomon, Tante Futlappl, und Der Kaslutscher, oder kurz gesagt: „Die Hirschkälber“. Der neue Stern am Musikhimmel, bekannt für ihr virales Video eines feuchtfröhlichen improvisierten Auftritts, den sie an besagtem Mittwoch im Partykeller eines Freundes gaben. Aber lassen Sie sich die Details von ihnen selbst erzählen:

„Der Gipfelbote“: Danke, dass Sie Zeit gefunden haben, uns ein paar Fragen zu beantworten.

Tante Futlappl: Ihr Schweine habt meinen Hund entführt, was hätten wir machen sollen?!

MC LettigeSalomon: Eben, ihr Säcke. Je eher ich das hinter mir habe, desto besser.

Der Kaslutscher: [starrt abwesend ins Leere und grinst, bohrt dann ausgiebig in der Nase und bietet dem Reporter einen Popel an]

„DGB“: Nein danke, ich habe schon gegessen. Nun, zur ersten Frage: Hätten Sie sich diesen phänomenalen Erfolg so erwartet?

MCLS: Auf keinen Fall. Das meine ich nicht positiv. Ich hab mich am Morgen danach nicht mal mehr an das Video erinnert, das Stefan [der Bekannte, der das Video auf Youtube geladen hat, Anm. d. Red.] gemacht hat, dieser Arsch.

„DGB“: Das muss doch ein berauschendes Gefühl sein, zu sehen, dass man über Nacht 5 Millionen Klicks bekommen hat?

TFL: ABER NICHT FÜR SO EINEN SCHEIßDRECK! [bricht in Tränen aus]

MCLS: Unsere Eltern haben uns enterbt, Franziska ist aus ihrem Job entlassen worden, weil ihre Firma nicht mit so einem Blödsinn assoziiert werden will, meine Freundin ist aus unserer gemeinsamen Eigentumswohnung abgehaut, und Lukas ist so geschockt, der wird nie mehr der Alte.

DKL: [starrt immer noch ins Leere und grinst zwischendurch dümmlich, kuschelt sich dann an seinen Bruder und döst vor sich hin]

TFL: Sehen Sie ihn sich an. Er war früher so ein aufgeweckter Bub, 100 Punkte-Matura, Medizinstudium in Mindestzeit, das volle Programm. Jetzt ist er Gemüse. Verflucht sei der Idiot, der uns das angetan hat!

„DGB“: Stefan?

TFL: Der auch, aber der kann ja nichts dafür, war selbst rotzlochvoll und fand es lustig. Ich meine den einen da, wie hieß er noch, der das Video so publik gemacht hat.

„DGB“: Ah, Sie meinen @MemeMutti69, den Twitteraccount von Hans-Herrmann Hosenträger, dem Avantgarde-Künstler und Hipsterpapst, der Ihr Video dann auch auf seinem Blog geteilt hat.

MCLS: Kein Wort verstanden, aber ich glaube, den meint sie, ja. Irgendwie hat das eine fürchterliche Lawine losgetreten.

„DGB“: Absolut. Diese Subkultur übertrifft sich gegenseitig darin, Dinge ironisch zu mögen, und das früher, und mehr, als alle anderen derselben Subkultur. Und was ist ironischer, als so einen kompletten Hirnfurz wie Ihr Video als ernsthafte Kunst zu feiern?

TFL: Das erste Sinnvolle, das Sie heute gesagt haben. Denen gefällt es allen hundertprozentig auch nicht, aber sie tun so, um cool zu wirken, glaube ich. Und das halt fünf Millionen verdammte Mal.

„DGB“: Exakt. Aber wie ich hörte, bleibt es nicht allein beim Youtube-Ruhm?

MCLS: Nein. Das alleine würde ja noch irgendwann zu Ende gehen, hat man ja früher schon mit so viralen Videos erlebt, nach einer oder zwei Wochen ebbt das ab. Aber wir haben jetzt auch noch die Plattenfirmen am Hals.

TFL: Und die geben keine Ruhe. Das, was Sie da vorhin gekidnappt haben, ist schon Waldi V., Sie verstehen.

„DGB“: Nicht ganz. Was wurde aus Waldi I. bis IV.?

TFL: Wir haben es gewagt, einen Plattenvertrag abzulehnen. Aber die haben Blut geleckt.

MCLS: Normalerweise ist das ja den Künstlern selbst vorbehalten zu entscheiden. Aber das Video hat so eingeschlagen, die großen Namen in der Branche reißen sich um uns. Auf Bestechungen sind wir nicht eingegangen, weil wir uns so für das Video schämen, da haben sie…

DKL: [furzt genüsslich und schnüffelt mit konzentrierter Expertenmiene in der Duftwolke herum]

TFL: …zu härteren Maßnahmen gegriffen. Die Hunde waren nur eine Warnung. Wenn Sie aus dem Fenster schauen, sehen Sie vielleicht einen schwarzen Jeep mit getönten Scheiben. Ich wette zehn Euro, ich kenne die bösen Gorillas mit Baseballschläger, die heute drinsitzen, mit Vornamen.

MCLS: Wir haben keine andere Wahl. Wir müssen ein Album rausbringen und mit dem Müll auf Tour gehen. Dämliches Hipstergesindel. Ironie hier, Ironie da, aber die wirkliche dahinter, sich ihren ach so heißen Untergrund-Tipp für 5,99€ 15 Millionen Mal herunterzuladen oder mit tausenden anderen auf einem Konzert zu feiern, verstehen sie nicht.

„DGB“: Das lass ich so als Schlusswort stehen. Danke für eure Zeit, liebe „Hirschkälber“. [erhebt sich, will schon Waldi V. freilassen]

DKL: [springt auf und zeigt aufgeregt auf den Bildschirm, auf dem das betreffende Video seit einer halben Stunde in Dauerschleife läuft; gerade kommt die Stelle, an der Der Kaslutscher und MC LettigeSalomon im Kanon das ABC rülpsen, während Tante Futlappl einen Orgasmus vortäuscht, alles untermalt von blechernem Dubstep aus einem Handylautsprecher]

TFL: [seufzt] Ja, Lukas, das bist du, brav.

DKL: [kichert und klatscht begeistert in die Hände]

„DGB“: [schmunzelt] Och, süß.

MCLS + TFL: …Gib den Hund her und verpiss dich!

Foto: Barry Pousman